13 Wochen Nordirland – arbeiten und leben in Derry - Bogside - eine sehr persönliche Ansicht
I can't believe the news today...
...oh, I can't close my eyes and make it go away.
Als ich Anfang der 80iger zum ersten Mal „Sunday Bloody Sunday“ von U2 hörte, hätte ich (natürlich) nicht im Traum daran gedacht, dass ich fast 30 Jahre später die Gelegenheit bekommen sollte für 3 Monate in Derry leben und arbeiten und eine Woche nach meiner Ankunft am letzten „Bloody Sunday march“ teilnehmen zu können. Auf diesen Marsch werde ich noch weiter unten detaillierter eingehen.
Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich in der ehemaligen DDR aufgewachsen bin, der Mauerfall zu diesem Zeitpunkt noch weit in der Ferne lag und für mich Nordirland unerreichbar war. Auch war es in der DDR sehr schwer an Informationen über das „kapitalistische Ausland“ (mit dem die ideologisch als „Klassenfeind“ verstandenen Staaten gemeint waren) heran zu kommen. Und somit musste man sich zwangsweise mit den Berichterstattungen des „Westfernsehens „ begnügen, die aber auch nicht immer besonders sachlich waren, wie ich heute weiß.
Ermöglicht wurde mein Aufenthalt in Derry durch die Gesellschaft für Europabildung in Berlin. Da es sehr schwer, um nicht zu sagen fast unmöglich ist, mit (etwas ;-) über 40 eine derartige Erfahrung zu machen und Auslandserfahrung zu sammeln, bin ich Neide und ihren Kollegen von der GEB sehr dankbar. Sie leisten wirklich eine tolle Arbeit. Unter anderem war auch das zweitägige Vorbereitungsseminar in Berlin sehr hilfreich.
„Sunday Bloody Sunday“ von U2 brachte mich damals dazu, mich mehr mit den Geschehnissen am 30. Januar 1972 in Derry zu beschäftigen, bei denen bei einer Demonstration für Bürgerrechte 14 unbewaffnete Menschen von Soldaten des British Parachute Regiments erschossen und 13 weitere angeschossen wurden. Wozu der britische Premierminister David Cameron übrigens erst am 15. Juni 2010 Stellung nahm und im Namen der Regierung um Verzeihung für die Taten der britischen Soldaten bat. Er nannte den Einsatz "unjustified and unjustifiable" (ungerechtfertigt und nicht zu rechtfertigen).
Auch die atmosphärische Beschreibung des Zustands von Belfast in „Belfast Child“ von den „Simple Minds“ und „The Cranberries“ die sich in „Zombie“ ebenfalls mit dem Nordirlandkonflikt auseinandersetzen hatten mich damals neugierig auf dieses Land gemacht.
Auch wenn es in den Medien immer wieder so dargestellt wird, so handelt es sich bei den Auseinandersetzungen in Nordirland nicht um einen Religionskrieg. Religion spielt in diesem Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken eine absolut untergeordnete Rolle und es ging nie um die Missionierung einer Bevölkerungsgruppe durch die andere. Vielmehr waren vor allem die politischen Ziele unvereinbar. Das Ziel der irischen Nationalisten ist eine Wiedervereinigung mit der Republik Irland und das Ende der britischen Herrschaft über Nordirland. Also die Unabhängigkeit von Großbritannien.
Das protestantische Lager, die Loyalisten und Unionisten dagegen wollen die Union zwischen Großbritannien und Nordirland bewahren und Teil des Britischen Königreiches bleiben. Und beide Seiten versuchten in der Vergangenheit dies mit Gewalt durchzusetzen. Auf irischer Seite mit der IRA und die heute immer noch aktiven Splittergruppen wie zum Beispiel die „Real IRA“ oder die „Continuity IRA“. Diese hatten sich damals von der IRA abgespalten, weil sie mit deren Einbindung in den nordirischen Friedensprozess nicht einverstanden waren. Auf protestantischer Seite mit der „Ulster Defence Association“ (die wichtigste protestantische Terrororganisation) und der „Ulster Volunteer Force“.
Was wirklich passierte, bzw. die Hintergründe des Nordirlandkonflikts habe ich erst während meines dreimonatigen Aufenthalts in Derry begriffen. Auch deswegen, weil ich das Glück hatte bei einer Gastfamilie in der Bogside zu leben. Dadurch lernte ich viele interessante Menschen kennen, deren Geschichte und deren Schicksale eng mit den „Troubles“ und dem „Bloody Sunday“ verwurzelt sind. Viele haben Angehörige und Freunde verloren und sind geprägt von dieser Zeit. Es herrschte damals eine große Armut unter der katholischen Bevölkerung und die Arbeitslosigkeit bei den Männern war sehr hoch, da Protestanten bei der Vergabe von Wohnungen und Arbeitsplätzen von der Stadtverwaltung bevorzugt wurden. Ich erfuhr z.B. auch dass die katholische Bevölkerungsmehrheit fast vollständig von der kommunalen Mitbestimmung ausgeschlossen wurde, da damals nur Hausbesitzer an den Kommunalwahlen teilnehmen durften und die Katholiken einfach zu arm waren um sich Häuser zu kaufen. Das ist nur ein Beispiel der Benachteiligungen die die katholische Bevölkerung zu erdulden hatte.
Auch hatte ich die Gelegenheit am 38. und letzten „Bloody Sunday march“ teilzunehmen. Der letzte deswegen, weil sich David Cameron 2010 nach Veröffentlichung des Berichts zum "Bloody Sunday" in Derry für das Verhalten des britischen Militärs offiziell entschuldigt hat. "I am deeply sorry" „The Bloody Sunday killings were unjustified and unjustifiable.“
Daher beschlossen die Organisatoren keine weiteren Märsche durchzuführen um ein Zeichen zu setzen und damit den Friedensprozess voran zu treiben. Obwohl viele Familien der Opfer damit nicht einverstanden sind und den „Bloody Sunday march“ auch in den nächsten Jahren fortsetzen wollen.
Der Marsch erinnerte mich ein wenig an die Demonstrationen 1989 in Leipzig wo ja auch unter anderem Bürgerrechte eingefordert wurden. Allerdings und Gott sei Dank mit friedlichem Ausgang.
Am Tag zuvor lernte ich Martin McGuinness während einer Veranstaltung, der „Ogra Shinn Féin national conference“ im „Gasyard Centre“ in Derry, kennen. Martin McGuinness war früher stellvertretender Kommandant der Provisional IRA (PIRA) in Derry, später Chef-Unterhändler von Sinn Féin und ist heute amtierender „Deputy First Minister of Northern Ireland“.
Gastfamilie - Praktikum:
Ich wurde von Anfang an als „vollwertiges“ Familienmitglied in meiner Gastfamilie aufgenommen und alle waren sehr bemüht mir die Eingewöhnung so leicht wie möglich zu machen. Ich fühlte mich vom ersten Tag an zu Hause. Was auch Moira, meiner Gastmutter, zu verdanken war. Die Menschen in der Bogside sind sehr herzlich und ehrlich. Und wenn man sich für ihre Geschichte interessiert, so wie ich, kann man sehr viel über diese Menschen erfahren.
Deswegen und nicht zuletzt weil man seine Englischkenntnisse enorm verbessern kann, da man nicht in Versuchung kommt bzw. keine Gelegenheit hat Deutsch zu sprechen, würde ich jedem empfehlen der die Chance hat in einer Gastfamilie zu leben, dies zu tun. Ihr müsst bedenken, wenn ihr zusammen mit anderen Studenten in einer Wohngemeinschaft lebt, dass diese vielleicht das gleiche Sprachlevel haben wie ihr, keiner da ist der euch korrigiert und ihr die gleichen Fehler (z.B. Grammatik) immer wieder macht und im Endeffekt nach 3 Monaten nicht viel dazu gelernt habt. Im schlimmsten Fall wohnt ihr mit Landsleuten zusammen und redet in eurer Freizeit nur in eurer Muttersprache. Die Leute von der „Foyle Language School“in Derry die sich um die Organisation der Gastfamilien kümmern, schließen dies aus, indem sie nie zwei Studenten aus dem gleichen Land in eine Gastfamilie vermitteln. Ihr solltet Euch aber auch im Klaren sein, dass ihr keinen Urlaub macht und somit auch nicht mit dem Standard eines Hotelzimmers rechnen könnt. Ich habe keine schlechten Erfahrungen z.B. im Bezug auf Unterkunft, Essen etc. gemacht. Man muss halt unvoreingenommen und offen gegenüber der anderen Kultur sein, dann hat man auch die Chance Land und Leute kennenzulernen und seinen Horizont zu erweitern.
Außerdem wird auch das Praktikum von der „Foyle Language School“ organisiert. Ich arbeitete nach meinem 3-wöchigen Sprachkurs als Grafiker in einer Werbeagentur. Dort durchlief ich mehrere Abteilungen und hatte so einen guten Einblick in einen in einen etwas anderen Arbeitsalltag. Der große Unterschied zu Deutschland war die entspannte und humorvolle Atmosphäre. Gearbeitet wurde genauso viel wie in Deutschland, aber die Fehlerquote z.B. war sehr gering, da man keinen „Druck“ hatte und der Chef selbigen nicht „raus hängen“ ließ. Ich kenne das durchaus auch anders.
Ein paar Worte zu Derry irisch Doire (Eichenhain):
Moira´s Vater sagte einmal zu mir:“Derry is not everyone's cup of tea“, meint soviel wie „Derry ist nicht jedermanns Sache“. Ich kann jedenfalls sagen, dass mich diese Stadt begeistert hat, ich mich sehr wohl gefühlt habe und sehr viele interessante Menschen aus aller Welt kennen gelernt habe. Derry ist eine sehr gastfreundliche und mittlerweile sehr sichere Stadt, für Einwohner und Touristen attraktiv und durchaus einen Besuch wert. Vorbei sind die Zeiten in denen das Stadtbild von Polizeistreifen und Polizeistationen geprägt war.
Derry ist die zweitgrößte nordirische Stadt (etwa 100.000 Einwohner) und hat zum Beispiel die letzte vollständig erhaltene Stadtmauer Irlands, die zu den besterhaltensten Stadtbefestigungen in Europa gehört. In ca. einer dreiviertel Stunde (2 km) ist man einmal rum um den historischen Stadtkern. Alle Straßen laufen im Hauptplatz „The Diamond“ zusammen. Auch sollte man das das „Craft Village“ besuchen, das wie ein mittelalterliches Dorf, mitten in der Stadt, wirkt.
Außerdem ist Derry eine der geschichtsträchtigsten Städte Irlands, was man auch bei einem Besuch des im 2006 neu erbauten „Tower Museums“ mittels modernster Technik erfahren kann.
Derry hat eine sehr schöne Altstadt mit vielen Pubs und Bars. Im „Peadar O'Donnells“ zum Beispiel (hier trifft man viele „locals“ mit denen man schnell ins Gespräch kommt...super Stimmung, tolles Ambiente!) und gleich nebenan in „Tracys Bar“ kann man fast jeden Tag live traditionelle irische Musik hören. Man sollte dies aber während der Woche genießen, da am Wochenende, speziell Sonnabends „Ausnahmezustand“ herrscht und man von der Musik nicht allzu viel mitbekommt ;-) In der Woche allerdings sind die Pubs nicht so überfüllt und man kann sich auch durchaus schon mal mit seinem Pint an den Tisch der Musiker setzen und die Musik hautnah genießen.
Wer mehr auf Rockmusik steht, ist in „The Gweedore Bar“, die zum „Peadar O'Donnells“ gehört, im „Bound for Boston“ oder im „Masons“ sehr gut aufgehoben. Auch das „Sandinos“ in der Water Street kann ich empfehlen. Das Ambiente ist außergewöhnlich und man sollte sich unbedingt mal die Zeit nehmen, die Bilder an der Wand genau zu betrachten und auf die vielen Kleinigkeiten zu achten. Am Freitag und Sonnabends meist Livemusik (Traditionell über Jazz bis Weltmusik) und auch während der Woche legen dort ab und zu die besten DJs der Stadt auf.
Die wahren Sehenswürdigkeiten Derry’s befindet sich jedoch am Rande der Altstadt im Stadtviertel Bogside. Dort kann man anhand der vielen Murals (politischen Wandgemälde) die Geschichte des katholischen Bogside-Viertels während des Nordirlandkonflikts auf künstlerische Art sehen. Eines der bekanntesten und das erste Mural der „Bogside Artists“ ist sicherlich dass in schwarz-weiß gehaltene „The Petrol Bomber“. Es wurde 1994 zum 25-jährigen Jubiläum der „Battle at the Bogside“ fertiggestellt. zeigt einen Jungen mit Gasmaske, der einen Molotow-Cocktail in den Händen hält. Die tragische Geschichte dahinter habe ich im „Free Derry Museum“ erfahren. Die Kinder wollten sich mit Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg vor dem Tränengas schützen und waren sich nicht bewusst, dass sie damit die Wirkung in Wirklichkeit nur erhöht haben. Wenn man mehr über die „Troubles“, das Leben in dieser Zeit und dem „Bloody Sunday“ erfahren möchte, sollte man unbedingt das „Free Derry Museum“ im Glenfada Park besuchen.
Die „Bogside Artists“ sind drei Künstler die in der Bogside aufgewachsen sind und deren Geschichte hautnah verfolgt haben. Sie haben sich der künstlerischen Aufarbeitung der Ereignisse in Nordirland verschrieben. Diese Künstler leisten wirklich eine großartige Arbeit, werden aber von der Stadt nicht unterstützt, sondern finanzieren die Erhaltung der Murals aus Spenden der Bogside Bevölkerung. Selbst die Touristenbüros deren geführten Touren durch die Bogside ein nicht gerade kleiner Programmpunkt sind, beteiligen sich nicht an den Unkosten. Während meines Aufenthalts in Derry hatten die „Bogside Artists“ damit angefangen die Murals zu beleuchten (LIGHTING UP THE MURALS). Auch dies wurde aus Spenden der Bogside Bewohner finanziert.
2013 ist Derry „UK City of Culture“. Für die Beleuchtung der Stadtmauer, der „St. Columb-Kathedrale“, der „Apprentice Boys Hall“ und für andere wichtige historische Stätten hat die Stadt Mittel bereit gestellt.
Aber auch außerhalb von Derry kann man viel unternehmen. Die wunderschöne Landschaft an der Antrim Coast an der Atlantikküste im Osten von Derry ist nicht nur wegen des Dunluce Castle (sie gilt bei vielen Besuchern als die malerischste aller irischen Burgen), den dramatischen Felsküsten und den malerischen kleinen Hafenstädten und Burgruinen ein Erlebnis. Die Nordküste Irlands gehört zu einer der schönsten Küstenlandschaften die ich je gesehen habe. Eigentlich ist die ganze Landschaft Nordirlands aber auch Donegals atemberaubend.Viele sagen, dass man hier die schönsten Strände in ganz Irland finden kann.
Ein paar Kilometer gen Nordwesten und man befindet sich im County Donegal, der nördlichsten Grafschaft Irlands. Hier kann man z.B. bei Slieve League die höchsten Klippen Europas bestaunen (bis zu 600 m hoch), oder an kilometerlangen Sandstränden relaxen. Hier befindet sich auch „Malin Head“, der nördlichste Punkt der Republik Irland. Hier sieht man unter Anderem das mit riesigen Lettern aus Stein gelegte Wort „ÉIRE“. Dieses signalisierte den deutschen Flugzeugen im 2. Weltkrieg dass sie jetzt neutrales Gebiet überfliegen.
Zum Schluss möchte ich mich noch bei all den Menschen bedanken, die mir meinen Aufenthalt in Derry unvergesslich gemacht haben. Speziell bei Moira, meiner Gastmutter, bei Tony, mit dem ich auf unzähligen Veranstaltungen und Partys war und der mich mit vielen Leuten bekannt gemacht hat die ich sonst nie kennen gelernt hätte und bei Chris, der mir ganz Donegal gezeigt hat und immer ein Plätzchen im „Peadar O'Donnells“ für mich frei hatte ;-)
Ich hatte damals die Wahl zwischen einem Praktikum in London oder in Derry und ich bin froh, die richtige Wahl getroffen zu haben.
Den gesamten Bericht und meine Erlebnisse während meines Aufenthalts in Nordirland könnt ihr unter http://derry.kboesecke.de und in meinem Blog unter http://kboesecke.de/derry/ nachlesen.







